Umstrittene psychologische Experimente VI – Die Monster-Studie

Unsere Reihe zu Experimenten und Ethikfragen in der Psychologie findet den dieswöchigen Abschluss mit einem Versuch, der beinahe danach schreit, erwähnt zu werden, wenn man bedenkt, dass er nicht nur als “Monster-Studie” bekannt geworden ist, sondern der durchführende Forscher sie auch zu vertuschen versucht hat!

Der angesehene Professor Wendell Johnson (1965 verstorben) führte während seiner wissenschaftlichen Laufbahn einige Experimente durch, doch eines, obwohl, wenn man das Forschungsvorhaben bedenkt, erfolgreich verlaufen, beschämte ihn scheinbar so sehr, dass er sie nie veröffentlichte. Erst kürzlich wurde die bereits 1939 durchgeführte Studie bekannt.

Sie war im Rahmen einer Masterarbeit von einer seiner Studentinnen, Mary Tudor (später Tudor Jacobs), durchgeführt und von ihm begleitet worden. Die Versuchsteilnehmer waren Kinder (5-15 Jahre alt), welche zu Versuchsbegin teilweise stotterten. Damals war es noch unbekannt, warum Menschen stotterten. Es wurde aber weitgehend angenommen, dass es angeboren und somit nicht beeinflussbar sei – eine falsche Annahme, wie wir heute wissen. Und eine Vorstellung, welcher sich der selbst stark stotternde Johnson nicht annehmen wollte.

Die grundlegende Annahme der Forschenden lautete, dass Stottern angelernt (statt angeboren) ist und sich durch negative Rückmeldung hervorrufen lässt – auch bei Kindern, die vorher keinen solchen Sprachfehler hatten. Tudor rekrutierte 24 Waisenkinder und teilte sie in zwei Gruppen auf: eine Kontrollgruppe, welche unverändert behandelt wurde, und eine Experimentalgruppe, welche negatives Feedback erlebte. In Letzerer sprachen sechs der 12 Kinder fehlerfrei, während die anderen (unterschiedlich) ausgeprägt stotterten. Allen 12 wurde gesagt, sie sollten beim Sprechen aufpassen, da sie Sprechprobleme hätten, nämlich stotterten. Sie wurden aufgefordert, nur noch zu sprechen, wenn sie unbedingt mussten und dabei unbedingt auf ihre Aussprache zu achten. Seien sie unsicher, ob sie fehlerfrei sprechen könnten, sollten sie es unterlassen. Wenn sie dennoch einen Fehler produzierten, sollten sie sich selbst unterbrechen und noch einmal von vorne beginnen. Die Masterstudentin schärfte ihnen ein, sich große Mühe zu geben, nicht mehr zu stottern. Auch ihre Lehrer wurden angewiesen, auf Fehler im Sprechfluss zu achten und die Kinder in dem Fall von vorne beginnen zu lassen.

Offiziell (dem Waisenhaus und den Lehrern gegenüber) wurde die Studie im Rahmen einer Sprachtherapie durchgeführt.

Bereits bei dem ersten Kontrollbesuch nach einem Monat zeigten die Kinder der Experimentalgruppe starke Verhaltensauffälligkeiten, welche sich unter den verschiedenen Altersgruppen nicht unterschieden: die Kinder der Experimentalgruppe wurden schweigsamer, sprachen langsamer, wenn sie sich überhaupt zu Wort meldeten und verwendeten deutlich kürzere Sätze. Manche verweigerten es gänzlich, sich zu Wort zu melden und hielten sich ihre Arme oder Hände vor den Mund. Eine 15-Jährige begann, ständig zu schnipsen und auf Nachfrage erklärte sie, sie schnipste, um nicht zu sprechen, denn sie fürchtete, dass die Worte nicht korrekt herauskamen und wollte sich so davon abbringen, es dennoch zu versuchen. Alle Kinder berichteten konsistent von einer großen Angst davor, beim Sprechen einen Fehler zu begehen und verhielten sich schüchterner und gehemmt und schienen sich in vielen Situationen zu schämen.

Das mehrere Monate andauernde Experiment führte dazu, dass nunmehr alle der 12 Kinder, die negative Rückmeldungen erhalten hatten, stotterten, obwohl es zu Beginn nur die Hälfte getan hatten.

Aus einem Schuldgefühl heraus wird berichtet, dass Tudor nach Abschluss der Studie noch länger zur “Nachsorge” (es ist unklar, was genau das hieß) in dem Waisenhaus zu Besuch war. Denn, und das kann man nicht schön reden, wurden nach der Durchführung weitere fatale und ethisch nicht vertretbare Fehler begangen: weder die Kinder noch die Lehrer wurden informiert, dass sie Teil einer Studie gewesen waren, sodass die Lehrer die negative Verstärkung für die Kinder aufrecht erhielten und diese weiterhin, bis ins Erwachsenenalter, stotterten. Auch heißt es, dass andere vereinzelte Forscher (über die beiden Masterarbeitskorrektoren hinaus) durchaus von der Studie wussten, sie jedoch nicht meldeten, um Johnson nicht bloß zu stellen.

Als die Studie nun an die Öffentlichkeit gelang, ungefähr 60 Jahre nach der Durchführung, wurden auch die Versuchsteilnehmer über ihre unfreiwillige Teilnahme informiert und erhielten insgesamt 925.000$ (heute ca. 800.000€) Schadensersatz. Ein schwacher (und später) Trost für ein Leben in Unsicherheit und Zurückgezogenheit, welches spätestens durch eine angemessene Aufklärung und Nachsorge hätte verhindert werden können.

Eine der Versuchsteilnehmerinnen schreib 60 Jahre später in einem Brief an Tudor: „An Mary Tudor […], das Monster: Sie haben mein Leben zerstört. Ich hätte Wissenschaftlerin werden können, Archäologin oder sogar Präsidentin. Stattdessen wurde ich eine bemitleidenswerte Stotterin.“ Die damalige Studentin sagte: “I didn’t like what I was doing to those children. It was a hard, terrible thing. Today, I probably would have challenged it. Back then you did what you were told. It was an assignment. And I did it.” (“Ich mochte nicht, was ich diesen Kindern antat. Es war eine schwierige, schreckliche Sache. Heute hätte ich mich dem wohl gestellt. Damals tat man, was einem aufgetragen wurde. Es war eine zugeteilte Aufgabe. Und ich habe sie erledigt.”)

Wissenschaftlich Interessierte können die originale Masterarbeit, die aufgrund eines fehlenden Publikationsartikels die einzige Quelle über den genauen Versuchsablauf gilt, hier nachlesen.

Welchen ethischen Anforderungen Studien heutzutage entsprechen müssen und worauf Ethikkommissionen bei der Begutachtung der Versuchsanträge achten, könnt Ihr hier nachlesen.

Weitere umstrittene Experimente findet Ihr hier.