Umstrittene psychologische Experimente V – Little Albert

Der heutige Beitrag der Reihe über umstrittene Experimente in der Psychologie widmet sich einem Versuch, welcher großes Entsetzen weckte und bis zum heutigen Tag viele ungeklärte Fragen offen ließ. Er wurde 1919 von John Broadus Watson und seiner Assistentin Rosalie Rayner an der Johns-Hopkins-Universität in den USA durchgeführt. Der einzige Proband war ein wenige Monate altes Baby.

Watson, der Begründer des Behaviorismus, hatte sich der Erforschung von menschlichem und tierischem Verhalten verschrieben und wollte das Konzept der Klassischen Konditionierung nach Iwan Petrowitsch Pavlov auf Menschen übertragen. Er beforschte in dem hier vorgestellten Experiment also, einfach gesagt, “bedingte” Reaktionen (für mehr Details bitte dem Link folgen) und wollte zeigen, dass menschliches Verhalten ebenfalls Reiz-Reaktions-Mechanismen folgt und sich dementsprechend beeinflussen lässt.

Der als Little Albert Experiment bekannte Versuch war wie folgt aufgebaut: dem circa neun Monate alten Jungen wurden verschiedene Objekte und Tiere gezeigt, welche er vorher noch nie gesehen haben sollte. Unter ihnen waren eine brennende Zeitung, ein Kaninchen, eine weiße Ratte und Watson selbst, hinter einer weißen Nikolausmaske. Rayner saß hinter dem Baby, als Sitzstütze. Die ersten Reaktionen zeigen durchschnittliches Interesse des kleinen Alberts, jedoch keinerlei ängstliche. Anschließend, in der zweiten Hälfte des Experiments, ließ Watson die Darbietung der Objekte mit einem lauten Hammerschlag auf eine Eisenstange begleiten. Dieses Geräusch allein erschreckte das Baby und mit zunehmender Anzahl von Versuchsdurchführungen der Darbietung eines Gegenstands oder Tieres plus lautem Schlag erschrak der kleine Albert vor der reinen Darbietung ohne den Schlag hören zu müssen. Er hatte also eine vorher nur mit dem Geräusch (Reiz) korrelierte Reaktion mit einem anderen Reiz (Darbietung) verbunden. Klassische Konditionierung.

Watson zeigte, dass sich die Angst vor der weißen Ratte, welche so hervorgerufen werden konnte, ebenfalls auf andere Tiere und peklzige Objekte übertrug, wenn auch nicht so wirklich auf seine weiße, haarige Nikolausmaske. So weinte Albert auch bei der Konfrontation mit dem Kaninchen und einem Hund, als dieser ihm nahe genug kam.

Bis zu diesem Punkt echauffiert sich wahrscheinlich noch nicht jeder Leser, obwohl bereits eine gewisse Brutalität aus dem Experiment spricht. Es wird nicht besser: generell lässt sich eine angelernte Reaktion wieder verlernen, also sozusagen de-konditionieren – und angesichts der Tatsache, dass sie ein Baby mit einer panischen Angst vor Kaninchen, Ratten, Pelmänteln und anderem “ausgestattet” hatten, wäre es an dieser Stelle mehr als ratsam gewesen, um die Ethik nicht komplett mit Füßen zu treten – tatsächlich war dem jungen Probanden hier jedoch ein anderes Schicksal vergönnt: “Unglücklicherweise nahm man Albert gleich nach dem letzten Versuch aus dem Hospital. Und so war uns die Rücknahme seiner konditionierten emotionalen Reaktionen verwehrt.”

Zudem sind die Aufzeichnungen bezüglich der Identität von Albert so ungenau, dass es lange gänzlich verborgen blieb, wer er gewesen sein könnte. Watsons Beschreibung, einen gesunden, gut entwickelten Jungen namens Albert B. ausgewählt zu haben, wird stark angezweifelt. Viele Hinweise deuteten auf den schwerbehinderten Douglas Merritte. Außerdem vernichtete Watson all seine unveröffentlichten Forschungsunterlagen zu verschiedensten Forschungsprojekten bevor er 1958 verstarb, weshalb sich die Identität seines jungen Probanden nie richtig aufklären ließ oder lassen wird. Stark vermutet wird von wieder anderen Forschern jedoch, dass es sich bei dem kleinen Albert tatsächlich um einen gesunden Jungen, William Albert Barger, handelte, was das B. der einsehbaren Aufzeichnungen zur Probandenidentität (Albert B.) besser erklären würde als ein willkürlich gewähltes Pseudonym für Douglas M. Hinzu kommt, dass die Nachfahren von William Albert B., der nach der Wiederheirat der Mutter im Jahr 1920, also direkt nach dem Experiment, zu Albert Martin wurde, berichteten, dass er große Angst vor Hunden gehabt habe. Über ein Experiment habe er nie berichtet, doch hätte er sich selbst auch nicht daran erinnern können, da er noch zu jung gewesen wäre. Albert Martin verstarb 2007.

Leider war es damals noch nicht weit her mit Forschungethik und so bleibt es ein Rätsel, was aus dem kleinen Albert tatsächlich geworden ist bzw wer er überhaupt war.

Watson und Rayner ließen sich übrigens während des Experiments filmen und auf Youtube finden sich so einige Beiträge hierzu, unter anderem dieser:

Fun Fact: Rayner war eine Studentin von Watson. Und nicht nur irgendeine, sondern seine Affäre. Und später auch Frau. Aber nicht nur das: die Affäre flog im Jahr nach der Versuchsdurchführung auf und er verlor seine Professur. Den Rest seiner Karriere (bis 1945) widmete er der Werbepsychologie.

Weitere umstrittene Experimente findet Ihr hier.