Umstrittene psychologische Experimente lll – Rosenhan

Unsere Themenwoche beschäftigt sich mit ethisch fragwürdigen psychologischen Versuchen, welche in der Vergangenheit durchgeführt sind. Im ersten Beitrag können Sie näheres zum heutigen Umgang mit ethischen Aspekten von geplanten Studien lesen und im zweiten über eine Studie die vor der Etablierung solcher durchgeführt wurde. Der heutige Artikel behandelt eine außergewöhnliche, zweiteilige Studie, die allerdings vielmehr Unethisches aufdeckte als selbst unethische Aspekte aufzuweisen.

1973 erschien in der wohl renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschrift Science ein Artikel, der nicht nur Wissenschaftler aufhorchen ließ. Der amerikanische Psychologieprofessor David L. Rosenhan veröffentlichte die Ergebnisse einer zwischen 1968-1972 durchgeführten Studie zur Zuverlässigkeit von psychiatrischen Diagnosen, welche großen Aufruhr verursachte. Hier waren es allerdings die Studienergebnisse – nicht deren Durchführung – welche ethische Fragen aufwarf. 

Acht Personen, darunter Psychologen, ein Psychiater, ein Psychologiestudent, ein Kinderarzt, eine Hausfrau und ein Maler, stellten sich mit der Angabe, Stimmen zu hören, die die Worte „empty“, „hollow“, „thud“ (auf Deutsch mit so viel wie„leer“, „hohl“, „dumpfer Aufprall“ zu übersetzen) sagten, in einer Psychiatrie vor. Eine Aussage über diese Symptome trafen sie lediglich im Anamnesegespräch, also dem Aufnahmegespräch bei der ersten Vorstellung in den 12 unterschiedlichen Kliniken. Die einzig weitere Unwahrheit lag darin, dass sie allesamt andere Namen verwendeten, um zu vermeiden, dass ihnen eine gestellte Diagnose nach Beendigung des Experiments anhaften würde und manche änderten in ihren Selbstauskünften ebenfalls ihren Beruf. Ansonsten verhielten sich die 12 Teilnehmenden so, wie sie es in ihrem sonstigen Alltag ebenfalls taten, so weit es ihnen im Rahmen der psychiatrischen Einrichtung möglich war. 

Statt das korrekte Urteil zu treffen, dass man sich die Symptome mit den vorhandenen Mitteln nicht erklären kann, wurden elf Scheinpatienten mit einer „abklingenden Schizophrenie“ und einer mit einer manisch-depressiven Episode diagnostiziert und in der Gesamtheit aller Aufenthalte über 2000 Tabletten verabreicht, welche die Scheinpatienten jedoch heimlich nicht einnahmen. Im Durchschnitt verbrachten sie 19 Tage auf Station (zwischen 7 und 52!) bevor sie als symptomfrei entlassen wurden, während derer insgesamt 35 von 119 Mitpatienten den Verdacht äußerten, dass es sich nicht um echt Patienten handle. 

Die Idee zu einem Folgeexperiment erwuchs aus der Aussage eines Lehr- und Forschungshospitals, welches aussagte, so etwas könne bei ihnen nicht vorkommen. Rosenhan kündigte daraufhin an, in den folgenden drei Monaten einen oder mehrere Scheinpatienten vorbeizuschicken – tat dies jedoch in Wahrheit nicht. Das Ergebnis des Versuchs: 41 von 193 Patienten wurden von mindestens einem Mitglied des Pflegepersonals, 23 von mindestens einem Psychiater und 19 von einem Mitglied des Pflegepersonals sowie einem Psychiater – also insgesamt 83 reale Patienten – fälschlicherweise als Scheinpatienten identifiziert. 

Aus den beiden Untersuchungen schloss Rosenhan, dass Patienten sobald sie als solche in der Psychiatrie bekannt sind, „abgestempelt“ werden und die Wahrnehmung sich auf alle Bereiche des Verhaltens und Erlebens von Patienten erstreckt: die Lebensgeschichten (erhoben während des Anamnesegesprächs) wurden passend zu den damals gängigen Annahmen bezüglich Schizophrenie interpretiert, ebenso wie ganz normale Tätigkeiten (wie Notizen anzufertigen, welche sie im Rahmen des Experiments aufnahmen, wurden zu pathologischem Schreiben umgedeutet). Auch nahm Rosenhan, welcher übrigens selbst an seinem Experiment teilnahm, bestimmte Verhaltensweisen von Pflegern und Ärzten gegenüber (Schein-)Patienten wahr: 71 % der Psychiater und 88 % der Mitglieder des Pflegepersonals liefen bei ganz normalen Fragen von Patienten weiter oder fragten etwas Zusammenhangloses zurück ohne den Fragenden zu beachten. Wenn sie sich alleine oder nur mit anderen Patienten in einem Raum aufhielten, wurden manche Pfleger und Schwestern verbal und teilweise auch physisch ausfällig, da Patienten als nicht glaubwürdig galten, ihrer Aussage also kein Gewicht beigemessen werden würde, wenn sich jemand beschwere. 

Glücklicherweise ist dies heute anders! Modelle wie Safewards belegen eine weiterentwickelte Sichtweise auf und dem Umgang mit Patienten. 

Weitere umstrittene Experimente findet Ihr hier.