Umstrittene psychologische Experimente IV – Stanford Gefängnisexperiment

Diese Woche wird unsere Reihe zu Ethikfragen in psychologischer Forschung fortgeführt und drei weitere Untersuchungen vorgestellt, die heutzutage wohl kaum einer Ethikkommission standhalten könnten. Im Dezember stellten wir unter anderem bereits Milgrams Untersuchung zu Gehorsamkeitsbereitschaft von Menschen, welche der heute vorgestellten Untersuchung von dem Grundgedanken her nicht ganz unähnlich war, und Rosenhans Studien zur Zuverlässigkeit von psychiatrischen Diagnosen vor.

Wer lieber Filme schaut statt Beiträge zu lesen, kann sich Das Experiment auch ansehen – oder wer mehr lesen möchte, findet am Beitragsende zwei spannende Links zum Ablauf des Experiments und einem Interview mit Zimbardo, 44 Jahre nach der Durchführung.

Foto zeigt Zimbardo; Quelle: PrisonExp.org

Zimbardo ist ein Name, der in der Wissenschaft der Psychologie gut bekannt ist. Kein Psychologiestudierender und auch wenige Interessierte kommt darum herum über ihn oder ein von ihm veröffentlichtes Buch zu lesen. Dies beruht nicht (nur) auf der Tatsache, dass Philip Zimbardo durch haarsträubende Experimente die Missgunst der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf sich gezogen hat, sondern vielmehr auf seiner fachlichen Expertise und der vielen Forschungsarbeit, mit der er einen großen Mehrwert für sein Fach und die Gesellschaft geschaffen hat. Allerdings, das muss dazu gesagt werden, gab es tatsächlich ein Experiment, welches er angeleitet hat, welches im Nachhinein großes Aufsehen erregte und noch heute für Diskussionsstoff sorgt. Einige Forscher versuchten sich an Nachahmungen des Experiments, um in sehr ähnlicher oder abgewandelter Form einen eigenen Input für die Debatte zu erheben. Nicht zuletzt Zimbardo selbst forschte und forscht (lest dazu nächste Woche in #hörenlesensehen mehr!) weiter in diese Richtung.

In diesem Artikel geht es jedoch um das ursprüngliche Experiment, welches 1971 an der kalifornischen Stanford Universität durchgeführt – und vorzeitig abgebrochen – wurde. Neben Philip Zimbardo komplettierten die anderen beiden US-Psychologen Craig Haney und Curtis Banks das Leitungsteam. Sie wollten erforschen, wie sich Personen an eine weitgehend hilflose Situation anpassen – also eigentlich die Gefängnisinsassen fokussieren. Dass letztendlich die Wärter zum Abbruch des Experiments führten, ahnte anfangs niemand.

Zeitungsanzeige; Quelle: PrisonExp.org

Male college students needed for psychological study of prison life. $15 per day for 1-2 weeks.” (Männliche Studierende für psychologische Gefängnisstudie gesucht. $15 pro Tag für 1-2 Wochen.) Mit diesen Worten wurden Studienteilnehmer gesucht und schließlich 24 von über 70 Bewerbern eingeschlossen, welche in den Anfangstestungen die durchschnittlichsten Ergebnisse erzielten. Der Gedanke dahinter war es, besonders ausgeprägte Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltenstendenzen als mögliche Einflussfaktoren auszuschließen, um die Ergebnisse später besser verallgemeinern zu können. Ein Münzwurf entschied, ob sie Gefängniswärter oder Insasse wurden. Um die Authentität der Rollen zu festigen, wurden die “Insassen” von den “Wärtern” verhaftet, ihnen ihre Rechte vorgelesen, ihre Fingerabdrücke abgenommen und sie über ihr vermeintliches Verbrechen aufgeklärt bevor sie in das Scheingefängnis aufgenommen wurden.

Die Anforderung an die Gefängnisinsassen waren (im Groben) folgende: sie mussten unterschreiben, dass sie während ihres “Gefängnisaufenthalts” auf einige Grundrechte verzichteten (wie beispielsweise ihre Freiheit, denn sie wurden während der Dauer des Experiments in einem Keller der Universität in ein Scheingefängnis eingesperrt).

Die Anforderung an die Gefängniswärter waren (im Groben) folgende: sie sollten sich als echte Wärter in einem echten Gefängnis sehen und eine Atmosphäre der Hilflosigkeit für die Insassen entstehen lassen. Die Insassen durften dafür jedoch nicht körperlich verletzt werden, es ging eher um die Hoffnung, so eine echte Gefängnisatmosphäre entstehen lassen zu können. Worauf sich die Studienteilnehmer sowie die Forscher eingelassen hatten, wurde ihnen jedoch erst im Verlauf des Experiments bewusst – und führte zu einem Abbruch nach nur sechs Tagen!

Die “Gefängnisinsassen” – also junge, unschuldige Männer und Studierende der Stanford Universität – wurden innerhalb der kurzen Dauer des Experiments von ihren Studienkollegen, den “Wärtern”, teilweise unmenschlich behandelt: ihnen wurde gezielt Schlaf entzogen und Nachthemd-ähnliche Kleidung aufgezwungen, um sie zu demütigen, einige mussten Plastikeimer als Toilette verwenden, sie wurden verbal erniedrigt und manche gezwungen, sich auszuziehen. Die Gepeinigten reagierten sehr unterschiedlich, mit Gewalt, Hysterie oder Rückzug, auf diese Behandlung – bis einer der Forscher den Abbruch einleitete.

Wärter und gedemütigte Insassen; Quelle: PrisonExp.org
Pushups als Bestrafung; Quelle: PrisonExp.org

Die wissenschaftliche Gemeinschaft stellt inzwischen die Ergebniskraft dieses sehr kontrovers diskutierten Experiments infrage. Warum? Aus diesen zwei Gründen: erstens wird von der wissenschaftlichen Gemeinschaft angezweifelt, wie korrekt das Experiment durchgeführt wurde, also welche Anweisungen genau gegeben wurden und ob jeder “Wärter” dieselben Instruktionen erhielt, sodass sie vergelichbar sind – abgesehen davon, dass eine Anweisung beinhaltete, eine Atmosphäre der Hilflosigkeit zu schaffen, was definitiv keine neutrale Ausgangssituation bedeutet. Und zweitens reicht eine Person, um die anderen hochzuschaukeln und zu der Durchführung von Handlungen, die sie aus eigener Motivation vermutlich nicht oder erst unter viel schärferen Bedingungen vornehmen würden, zu bewegen.

Das Experiment steht nicht zuletzt auch wegen seiner fraglichen (wenn auch zu der Zeit den damaligen Ethikansprüchen der renommierten Universität genügenden) Forschungsethik scharf in der Kritik. Es wurde eine Vielzahl von Versuchen, es nachzuahmen oder mit geänderten Bedingungen noch einmal durchzuführen, unternommen – nicht zuletzt von Zimbardo selbst, was er in einem Podcast-interview, welches wir Euch kommende Woche in unserem #hörenlesensehen-Format vorstellen, persönlich erklärt.

“Stanford County Prison” wurde das Scheingefängnis betitelt; Quelle: PrisonExp.org

Zimbardo selbst sagte, er hätte sich während des Experiments aus seiner Forscherrolle in eine Art Gefängnisverwalter verwandelt und von einer Professorenkollegin Christina Maslach, welche zu einer geplanten Befragung der Teilnehmer eingebunden war und seine heutige Frau ist, aus dieser “Trance” gerissen worden. Sie war in der Nacht vor der Befragung vorbei gekommen und sah zu, wie die “Wärter” die “Insassen” peinigten, woraufhin sie Zimbardo weinend damit konfrontierte, wie er tatlos zusehen könne. Der Psychologe berichtete im Nachhinein, dass auch seine Haltung und Gangart sich während des Experiments verändert und sich seiner neuen Rolle als Gefängnisverwalter (“prison administrator“) angepasst hatten, was er retrospektiv jedoch nicht bis zu der Konfrontation mit Maslach feststellte.

Für eine weitere, tiefgehendere Lektüre ist ein (englisches) Interview mit Zimbardo zu empfehlen, in welchem er über den Besuch der Räumlichkeiten, in denen das Experiment durchgeführt wurde, über 40 Jahre nach dessen Dürchführung berichtet -> Link.

Auch könnt Ihr Euch den Ablauf noch detailreicher und mit Originalbildmaterial auf einer eigens von Zimbardo erstellten Webseite durchlesen.

Weitere umstrittene Experimente findet Ihr hier.