Systemische Therapie als Kassenleistung

Es war ein langer Weg.

Es gibt in Deutschland drei sogenannte Psychotherapeutische Richtlinienverfahren, welche über die gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden können: die kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und analytische Psychotherapie (auch “Psychoanalyse”). Ihre Wirkung gelten aufgrund empirischer Untersuchungen (bspw. im Rahmen einer solchen Prüfung wie durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWiG) als ausreichend nachgewiesen. Diese drei sind jedoch nicht die einzigen Psychotherapieformen, welche angeboten werden. Man findet auch ausgebildete Psychotherapeuten für Gesprächspsychotherapie und Systemische Therapie, welche als wissenschaftlich anerkannt gelten, jedoch nicht über die gesetzlichen Krankenkassen abrechenbar sind. Die Systemische Therapie kämpfte zehn Jahre lang um die Änderung dieses Umstands.

Wie läuft so ein Verfahren ab?

Der Anerkennungsprozess kann grob in drei Teile gegliedert werden:

  1. Vorbereitung und Antragstellung im Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), inklusive des Stellungnahmeverfahrens
  2. Nutzenbewertung der beantragten Therapieform nach den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin durch das IQWiG
  3. Abschließende Beratung und Entscheidung im G-BA

Nach der wissenschaftlichen Anerkennung der Systemischen Therapie durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP), stellte das IQWiG im Sommer diesen Jahres die Ergebnisse seiner umfangreichen Literaturrecherche vor. Von über 3000 sorgfältig und ausführlich gesichteten Studien, berücksichtigten sie 33 in ihrer Auswertung. Aussortiert wurden u.a. diejenigen Forschungsprojekte, welche den Einschlusskriterien des Instituts hinsichtlich Diagnose, Methodik oder Sprache nicht genügten.

Eine Nutzenbewertung erfolgt im Vergleich zu anderen therapeutischen Maßnahmen bzw. einer Beratung oder einer Kontrollgruppe ohne therapeutische Begleitung, das heißt die Beantwortung der Frage: Ist die Systemische Therapie wirksamer als eine Vergleichs- oder Kontrollgruppe? Dies wird für verschiedene Störungsbilder ausgewertet und muss mindestens in den Feldern der Angst– und Zwangsstörungen sowie Affektive Störungen (bspw. Depression) vorliegen.

Am 22.11.2018, zehn Jahre später, wurde die Systemische Therapie nun auch sozialrechtlich anerkannt – der vorletzte Schritt für die Kostenübernahme. Zu Beginn des kommenden Jahres soll eine Abrechnungsziffer bestehen, sodass die letzte Hürde in diesem Kampf der Systemischen Therapie geebnet ist.

Wozu die viele Arbeit?

Neben der Möglichkeit der Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen, bedingt die wissenschaftliche Anerkennung ebenfalls die Ausbildung von Psychologen und (Sozial-)Pädagogen zum Psychotherapeuten im Vertiefungsgebiet Systemische Therapie.

Was ist mit der systemisch-therapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen?

Für die Systemische Therapie für Kinder- und Jugendliche, die sicherlich eine noch größere Versorgungsrelevanz hat (da Kinder und Jugendliche in der Regel noch stärker von ihrem (familiären) Netzwerk abhängig sind als Erwachsene), steht der Antrag des G-BA auf Überprüfung leider noch aus, obgleich sie ebenfalls im Dezember 2008 wissenschaftlich anerkannt wurde.

Was genau ist Systemische Therapie?

Die Systemische Therapie adressiert den sozialen Kontext psychischer Störungen. Sie nimmt also nicht hauptsächlich das Individuum selbst sondern die sozialen Beziehungen, in denen es sich bewegt, in den Fokus. Sie findet häufig als Mehrpersonentherapie statt, indem wichtige Bezugspersonen des Patienten zur Teilnahme an einer oder mehreren Sitzungen eingeladen werden. Übliche Angebote erstrecken sich über systemische Paar-, Familien- oder Gruppentherapie, auch als Multifamilien-Gruppentherapie. Ein anderes besonderes Merkmal ist, dass teilweise co-therapeutisch gearbeitet wird (insbesondere bei größeren Teilnehmern, wie in der Multifamilien-Gruppentherapie), also zwei Therapeuten im Team zusammen mit ihren Patienten arbeiten.

Die Forschung bestätigt die Langzeitwirkung der Systemischen Therapie: insbesondere bei Erhebungen der Wirksamkeit nach ein, zwei oder mehr Jahren nach Therapieabschluss zeigen sich weiterhin positive Effekte.

Weitere Informationen finden Sie in Vielzahl auch auf der Webseite der Systemischen Gesellschaft.