Psychotherapie? Da glaub ich nicht dran. Was also soll ich tun?

Skepsis vor psychologischer-Beratung-und-Psychotherapie ist-weit verbreitetDer Versuch, einen Gesprächspartner von der Nützlichkeit einer Dienstleistung, eines Produkts oder auch irgendeiner anderen Sache zu überzeugen, wenn der Gesprächspartner Überzeugungen teilt oder Erfahrungen gemacht hat, die eine skeptische bis ablehnende Haltung stark unterstützen, ist eine anstrengende bis kontraproduktive Aufgabe. Wir alle mögen unsere Überzeugungen und Sichtweisen. Sie sind Teil dessen, was wir sind, und sie geben uns eine Identität. Wenn jemand versucht uns zu widersprechen, dann verteidigen wir oft entschieden unsere Sichtweise auf die Dinge. Außerdem neigen wir dazu, die Überzeugungsarbeit des Gesprächspartners mit all dem Marketing und der unerwünschten Werbung zu verbinden, die uns jeden Tag mit dem tatsächlichen oder vermeintlichen Ziel bombardieren, uns zu Verbrauchern nutzloser Produkte zu machen oder Bedürfnisse in uns zu wecken, die wir andernfalls vielleicht nicht hätten. So kann es passieren, dass der gut gemeinte Versuch, einen Menschen von den Vorteilen einer psychologischen Beratung oder einer Psychotherapie zu überzeugen, nach hinten losgeht und sich Ablehnung und Skepsis bei der Person, der wir eigentlich helfen möchten, mit jedem Wort weiter verfestigen. Echtes Begehren ist eine autonome und individuelle Entscheidung und kann nicht einfach aufgezwungen werden.

Nehmen wir an, dass unsere Gesprächspartnerin unsere fiktive Cousine Anne ist, die aus unserer Sicht dringend psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung benötigt. Wir haben nur Probleme mit ihr. Anne eckt mit allen an. Sie ist aggressiv, beleidigend und wirkt dabei äußerst unglücklich. Wir möchten also Anna davon überzeugen, einen Psychologen aufzusuchen, um an ihrem Charakter zu arbeiten, doch einfacher wäre es, Anne davon zu überzeugen, dass sie sich ein neues Geschirr oder ein neues Paar Schuhe kaufen sollte. Wie auch immer: Wir sind der Meinung, dass Anne dringend Hilfe benötigt und sagen ihr, dass sie zum Psychologen gehen solle, um an ihrem Charakter zu arbeiten. Anna fasst unsere Bitte umgehend als Beleidigung auf, was möglicherweise daran liegt, dass wir unsere Bitte in der Hitze der Diskussion selbst aggressiv vorgetragen haben. Es kann aber auch daran liegen, dass der Gang zum Psychologen oder Psychotherapeuten in unserer Gesellschaft noch immer mit einem Stigma behaftet ist und somit die Aufforderung eines Menschen, einen Psychologen aufzusuchen, bei vielen Menschen automatisch das Gefühl einer Beleidigung auslöst

Es macht keinen Sinn, dass eine Person nur aufgrund der Empfehlung von Dritten an einer Beratung oder Therapie teilnimmt, wenn sie davon selbst nicht überzeugt ist, denn es ist zu erwarten, dass sich die Person entweder als beratungsresistent erweist oder – im Falle einer Psychotherapie – die Behandlung vorzeitig abbricht. Wir sollten daher, sieht man von akuten und extreme dringlichen Fällen ab, negative Überzeugungen einer Person im Hinblick auf psychologischen Rat oder eine Psychotherapie respektieren. Dies gilt insbesondere dann, wenn die betroffene Person aus ihrer Perspektive wahrscheinlich Recht hat. Psychotherapie ist nicht perfekt. Sie kann, wie jede menschliche Tätigkeit, korrumpierbar und fehlerhaft sein. Es gibt Psychologen, die ihren Beruf bewusst oder unbewusst zu ihrem eigenen Nutzen und nicht zum Nutzen des Patienten ausüben. Allerdings gilt dies auch für jede andere Berufsgruppe, nicht nur für Psychologen: So gibt es Scharlatane unter Ärzten, korrupte Zöllner, bestechliche Polizisten, gedopte Sportler und vieles mehr. Wenn Sie selbst also eine kritische und skeptische Meinung zu Psychologie und Psychotherapie haben, behalten Sie sie ruhig. Ihre Ansicht ist grundlegend für Ihre Persönlichkeit und nicht zuletzt Ihre Gesundheit. Außerdem müssen Sie nicht alle Probleme im Leben mit einem Psychologen besprechen. Wenn Sie jedoch trotz Ihrer Skepsis das Bedürfnis verspüren, in einer komplizierten Situation Ihres Lebens professionellen Rat einzuholen, versuchen Sie doch einfach mal, die Hauptpunkte Ihrer Kritik an der Psychologie zu identifizieren: Finden Sie, dass Psychologen zu teuer sind? Halten Sie sie Psychotherapeuten für unzuverlässig? Glauben Sie, dass alle Psychologen nur Hirnwäsche betreiben? Halten Sie sie Psychologen für nutzlos? Was sind die konkreten Gründe für Ihre Skepsis? Die Antwort auf diese Fragen wird genau der Ansatz sein, den Sie benötigen, um die für Sie richtige Unterstützung zu erhalten. Fragen Sie sich, was Sie benötigen, um sich sicher zu fühlen. Stellen Sie sich die Frage, unter welchen Bedingungen eine Beratung oder Therapie einen Mehrwert für Sie hätte, und unter welcher konkreten Bedingung Sie mit den Kosten einer psychologischen Beratung, einer Onlinetherapie oder einer Psychotherapie in einer Praxis vor Ort einverstanden wären. All diese Fragen können Ihnen, im Gegensatz zu einer passiven Haltung, dabei helfen, ihre psychische Gesundheit zu verbessern. Denn es gibt Tausende Psychologen, Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie, Coaches und Fachärzte und eine entsprechend große Vielfalt an unterschiedlichen Ansätzen und Persönlichkeiten. Viele davon teilen wahrscheinlich die gleiche kritische Sichtweise wie Sie selbst.

Gastbeitrag von Santiago Celorio. Frei übersetzt aus dem Spanischen von Daniel Bosch.