Kommentar: Fördern soziale Medien Depressionen bei Kindern und Jugendlichen?

Schon Kleinkinder nutzen heute bereits SmartphonesWer seine Kindheit und Jugend in den späten 70er und 80er Jahren verbracht hat, dürfte sich auch heute noch gut an die (tatsächlich oder vermeintlich) schädlichen pädagogischen Auswirkungen des Fernsehens außerhalb eventuell genehmigter Ausnahmesendezeiten (“Sesamstraße”, “Sendung mit der Maus”, “Hallo Spencer”) erinnern. Schon damals waren viele Eltern und Erziehungsberechtigte besorgt, dass Kinder und Jugendliche, die zu viel Zeit vor der Glotze verbringen, anstatt sich mit ihren Freunden zu treffen, Sport zu treiben oder sich anderweitig zu sozialisieren, nicht nur schulische Probleme bekommen, sondern auch unweigerlich dick würden. Eine der schlimmsten Drohungen, die Eltern gegenüber ihren Kindern anbringen konnten, war das Fernsehverbot.

Als Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre dann die ersten bezahlbaren Konsolen und Heimcomputer (Commodore 64, Atari) auf den Markt kamen, begannen die besorgten Eltern damit, nunmehr das Spielen vor der Flimmerkiste für die negativen Auswirkungen auf Köper und Geist ihres Kindes verantwortlich zu machen und neue Verordnungen zu erlassen: „Triff Dich doch lieber mit Deinen Freunden oder geh zum Sport, bevor Du wieder die ganze Zeit vor der Kiste abhängst. Ansonsten gibt es Spieleverbot.“

Und wieder ist die Technik schuld

In den letzten zwei Jahrzehnten wurden die Röhrenfernseher von modernen Flachbildfernsehern abgelöst, die alten Spielekisten durch leistungsfähige PCs ersetzt, und an die Stelle des Wählscheibentelefons mit klackerndem Relais  – Ortstarif 24 Pfennige pro Minute – trat das sogenannte Smartphone mit Telefon- und Datenflatrate, das Kinder und Jugendliche in die Lage versetzt, ihre Freizeit in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Snapchat und dergleichen zu verbringen, Selfies zu posten, andere Personen zu liken oder auch zu mobben. Und wieder einmal schrillen bei Pädagogen, Psychologen, Eltern und Erziehungsberechtigten die Alarmglocken: Kinder und Jugendliche würden, so heißt es in einem aktuellen Artikel auf der Webseite von Ökotest, der die Ergebnisse einer neuen wissenschaftlichen Studie aus Kanada zusammenfasst, durch übermäßige Nutzung sozialer Medien depressiv.

Die kanadischen Wissenschaftler der Studie, die in der medizinischen Fachzeitschrift JAMA Pediatrics veröffentlicht wurde, hatten die – urpsrünglich im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Suchtprävention gesammelten – Daten von insgesamt 3800 Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 und 17 Jahren ausgewertet, denen die Frage gestellt worden war, wieviel Zeit sie vor dem Fernseher, mit Computerspielen oder in sozialen Netzwerken zubrächten, wieviel Sport sie trieben und wie sie ihr eigenes Selbstwertgefühl einschätzten.  Dabei kam heraus, dass besonders diejenigen Kinder und Jugendlichen zu Depressionen neigten, die – wie könnte es anders sein – besonders viel Zeit in sozialen Netzwerken verbracht hatten. Außerdem fördere übermäßiges Fernsehen die Depressionsgefahr, während – und dieses Ergebnis überrascht – Computerspiele das Depressionsrisiko nicht signifikant erhöhten. Dieses Ergebnis ist deswegen so überraschend, weil der Deutschlandfunk erst im März 2019 über eine DAK-Studie berichtete, in der es heißt, dass Kinder und Jugendliche, die zu viel zockten, ein erhöhtes Risiko eingingen, an Depressionen zu erkranken.

Wir sollten seriöse Studien von renommierten Wissenschaftlern nicht grundsätzlich anzweifeln oder gänzlich ignorieren. Doch manchmal gewinnt man bei der Lektüre der ein oder anderen Studie den Eindruck, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt. Dies gilt auch und gerade für psychologische Fachstudien, die, wie Forscher in den USA herausgefunden haben, in den meisten Fällen nicht reproduzierbar sind, vor allem aber nicht zur Lösung des Problems beitragen: Fernsehverbote, Computerspielverbote und Handyverbote haben bislang nicht dazu geführt, dass Depressionen bei Kindern und Jugendlichen rückläufig sind. Sie explodieren förmlich, wie ein Artikel in der Welt aus dem Jahre 2015 nahelegt. Demnach leiden zwei bis vier Prozent aller Kinder im Grundschulalter und 14 Prozent der Jugendlichen mittlerweile an Depressionen, und die meisten Grundschulkinder dürften dabei nicht einmal über einen Zugang zu sozialen Netzwerken verfügen, auch wenn sie in vielen Fällen schon im Kindergartenalter mit einem Handy ausgestattet werden.

Plädoyer für etwas mehr Selbstkritik

Niemand wird bezweifeln, dass es für Körper, Seele und die gesamte Persönlichkeitsentwicklung gesünder ist, sich mit Freunden zu treffen, Sport zu treiben und sich gesund zu ernähren. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene und ist keine neue Erkenntnis, sondern eine Binsenweisheit. Auf der anderen Seite kann die Lektüre wissenschaftlicher Studien dazu führen, dass weitere, eventuell gewichtigere Ursachen psychischer Erkrankungen oder Probleme aus dem Blickfeld geraten. Gerade bei Depressionen, einer ernsthaften und oftmals chronisch verlaufenden Erkrankung, sind diese nicht immer einfach und eindeutig zu identifizieren. Natürlich kann es sein, dass Computerspiele, Fernsehkonsum und ungesunde Fertiggerichte („Fast-Food-Esser sind häufiger depressiv“) depressiv machen. Doch sollten wir uns nicht vielleicht auch einmal fragen, warum Kinder und Jugendliche so viel Zeit vor dem Computer, der Spielekonsole oder auf Facebook & Co. verbringen? Könnte es nicht auch sein, dass Kinder aufgrund eines verordneten Leistungs- und Wettbewerbsdrucks immer weniger Zeit haben, sich mit ihren Freunden zu treffen, zu freuen und zu streiten und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln? Müssen Kinder wirklich schon im Vorschulalter Fremdsprachen erlernen, um später keinen Wettbewerbsnachteil zu haben? Und tragen nicht auch wir Eltern eine erhebliche Mitverantwortung? Natürlich kann man über Fernsehverbote, Handyverbote und Computerspielentzug in bestimmten Fällen diskutieren, doch was sich die meisten Kinder und Jugendlichen wünschen, ist mehr Zeit mit ihren fast immer berufstätigen Eltern! Davon bekommen Sie laut OECD gerade einmal 103 Minuten täglich, von denen der Vater gerade einmal 37 Minuten beisteuert. Für Tagesschau, Tatort & Co. haben sie täglich dreimal soviel Zeit.

Wichtiger Hinweis:

Depressionen sind eine ernsthafte Erkrankung. Sollten Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind an Depressionen leidet, suchen Sie bitte umgehend einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, einen Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche oder auch ihren Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin auf. Die Diagnostik muss in jedem Falle persönlich in der Praxis oder Klinik erfolgen. Eltern, die sich erst einmal informieren möchten, haben außerdem die Möglichkeit, einen Termin für eine psychologische Beratung durch einen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten online zu vereinbaren. Weiterführende Informationen zu Depressionen im Kindes- und Jugendalter finden sich u. a. bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.