“DigiPhobie”: Spinnenphobie mithilfe einer virtuellen Realität therapieren?

Ja, das könnte tatsächlich bald umgesetzt werden. Das Fraunhofer-Institut forscht dahingehend seit einiger Zeit.

Hinweis: um einen triggernden Effekt möglichst zu verhindern, verzichten wir in diesem Beitrag auf jegliches Bildmaterial (abgesehen von dem Titelbild; Quelle: Fraunhofer IBMT, Bernd Müller). Beachten Sie vor dem Durchlesen jedoch bitte, dass wir nicht nur auf die Phobie und ihre Behandlung, sondern in dem dritten Abschnitt auch kurz auf die Tiere selbst eingehen und verlinkte Seiten durchaus Fotos enthalten können.

Die offizielle Bezeichnung für Angst vor Spinnen ist Arachnophobie. Sie ist eine der am häufigsten vorkommenden Tierphobien. Hiermit sind allerdings nicht die ebenso weit verbreiteten Gefühle von Ekel und Ablehnung gegen diese Gliederfüßer (Spinnen sind keine Insekten!) gemeint, sondern blanke Panik. Menschen, die unter krankhafter Angst vor Spinnen leiden, können ihren Anblick kaum ertragen – auch nicht laut quietschend auf einem Stuhl stehend, hinter einer Glassscheibe, auf Fotos oder aus Papier gebastelt. Sie zittern, erleiden Schweißausbrüche, Herzrasen, sogar Atemnot.

Wie genau oder warum eine Arachnophobie entsteht, ist nicht eindeutig geklärt, da es zum Einen viele Entstehungsgründe geben kann, und zum Anderen gerade bei uns in Deutschland ein ernst zu nehmender Spinnengriff kaum zu erwarten ist. Die Betroffenen empfinden jedoch nicht nur vor giftigen oder lebensbedrohlichen Spinnen Angst, sondern in der Regel ist diese Phobie auf alle Arten generalisiert. Ein vermuteter Grund sind die schnellen, huschenden Bewegungen und das teils versteckte Verharren bzw plötzliche Auftauchen der Tiere, ein anderer die negative Rolle, die ihnen in Filmen oder Büchern oft zugeschrieben wird oder ihr eher ungewöhnliches Aussehen.

Tatsächlich gibt es in Mitteleuropa kaum Spinnen, deren Biss medizinische Folgen nach sich tragen kann. Allerdings müssten diese schüchternen Krabbeltierchen überhaupt erst einmal zubeißen, und das ist außer beim gezielten Zerstören ihrer Nester und damit Bedrohung ihres Nachwuches gar nicht so üblich, wie Wissenschaftler bestätigen. Tödliche Spinnen sind hierzulande nicht üblich. Ein Biss kann zu Schwellungen, vereinzelt auch Schwindel führen, aber wer daraufhin einen Arzt oder die Apotheke aufsucht, wird schnell ein abklingendes Mittel bekommen, womit sich diese Unannehmlichkeiten lindern lassen.

Arachnophobie ist tatsächlich häufig erlernt und rührt nicht von einem selbst erlebten, einschneidenden oder bedrohlichen Erlebnis. Rationalität ist in diesem Fall also kein einflussreicher Faktor. Mithilfe einer Expositionstherapie, auch Konfrontationstherapie genannt, kann den Betroffenen geholfen werden. Im Rahmen dieses verhaltenstherapeutische Verfahren setzt sich der Betroffene in therapeutischer Begleitung mit seiner Angst intensiv auseinander. Die bisherige Vermeidung von Begegnungen mit dem gefürchteten Subjekt, in diesem Fall der Spinne, wird also gezielt durchbrochen. Je nach Ausprägung der Phobie wird zunächst mit Bildmaterial begonnen, welches angeschaut und später auch berührt werden soll, bevor man sich langsam an echte (zunächst leblose, später lebende) Spinnen “herantastet”. Zukünftig soll dies nun auch durch sogenannte Augmented Reality ermöglicht werden.

Auf der MEDICA, der weltweit leitenden Medizinmesse, wurde im November 2018 das neue Therapiekonzept vorgestellt: Dr. Frank Ihmig, Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT), und sein Team möchten die Expositionstherapie im häuslichen Umfeld und mit Hilfe “erweiterten Realität” ermöglichen. Letztere soll insbesondere die Bedürfnisse derjenigen Patienten decken, welche sich der Konfrontation mit einem echten Tier nicht gewachsen wühlen und das häusliche Umfeld soll zusätzliche Sicherheit geben. Wo man bisher also “altmodisch” noch Zeichnungen und Bilder einsetzte, soll in ein modernes Medium übersetzt werden.

Die Datenbrille, mit welcher die “DigiPhobie” durchgeführt werden soll, gibt Biofeedback, meldet also die physiologischen Symptome des Patienten in Echtzeit zurück. Diese Informationen sollen dazu dienen, die Intensität der Angstreaktion einzuschätzen und dem Patienten objektives Feedback zu seinem Erleben geben können sowie eine individuelle Anpassung der Augmented Reality-Therapie an seine Bedürfnisse erlauben.

In diesem Frühjahr startet eine Validierungsstudie für diesen innovativen Behandlungsansatz.

Wir haben auf unserem Blog schon öfter über Phobien geschrieben und verschiedene Typen sowie eine TV-Serie, in welcher sie eine Rolle spielen, vorgestellt. Wer gerne nachlesen möchte, folgt bitte diesem Link.