Die Psychotherapieverfahren im Überblick – Teil 3 Analytische Psychotherapie und Systemische Therapie

Heute soll unsere Reihe abgeschlossen werden mit dem letzten Richtlinienverfahren, der analytischen Psychotherapie und zudem einen kurzen Ausblick auf die Systemische Therapie geben, die in wenigen Monaten hoffentlich auch vollständig zu den anerkannten Verfahren gehört.
Die anderen beiden Beiträge dieser Reihe findet ihr unter Teil 1 Verhaltenstherapie und Teil 2 Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Analytische Psychotherapie
Diese Therapieform geht, wie auch die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, auf die Psychoanalyse von Sigmund Freud zurück. In dieser Therapieform wird davon ausgegangen, dass jegliche Art von Problemen, seien es nun Ängste, mangelnder Selbstwert oder körperliche Symptome, aus dem unbewussten Teil der Gedanken und des Gedächtnisses kommen. Erfahrungen aus Kindheit und Jugend, aber auch die alltägliche Kommunikation mit Menschen aus der eigenen Umwelt werden dort abgespeichert. So sammelt sich dort über die Jahre einiges an – Wut über bestimmte Ereignisse, Misstrauen aufgrund von Enttäuschung, Verzweiflung, Kränkungen des eigenen Selbstwertes und so weiter. Das ist das „Päckchen“, was jeder von uns tagtäglich mit sich herum trägt, die Situationen, die uns geprägt haben. Aktuelle Lebensereignisse können dazu führen, dass auf alte Erlebnisse und Verhaltensweisen zurückgegriffen wird, was praktisch ein Lösungsversuch unserer Psyche ist, mit der aktuellen Herausforderungen oder Konflikten umzugehen. Doch dieser unbewusst ablaufende Prozess ist nicht immer produktiv und kann zu psychosomatischen Symptomen führen.
Ähnlich wie in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie lernen sich auch in dieser Therapieform Therapeut und Patient zunächst einmal kennen, um ein gemeinsames Verständnis dafür zu entwickeln, woher die Symptomatik kommt und welchen Ursprung sie möglicherweise hat. Der Therapeut nimmt dabei eher eine neutrale Rolle ein. Seine Aufgabe ist es, dem Patienten diese unbewussten Mechaniken bewusst zu machen, das Verdrängte also an die Oberfläche zu holen. Dabei liegt der Patient typischerweise auf der Couch und der Therapeut sitzt außerhalb seines Blickfeldes. Auch hier kann der Patient nach dem Prinzip der freien Assoziation erzählen, was ihm gerade in den Sinn kommt. Dabei wird dem Therapeuten mit der Zeit klar, welche Denk- und Überzeugungsmuster sich wiederholen beziehungsweise welche Aussagen von dem Patienten immer wieder getroffen werden. An genau diesen setzt der weitere Therapieprozess dann an. Hierbei wird das Prinzip der Übertragung und der Gegenübertragung genutzt. Der Fokus dieser Therapie liegt auf größeren Teilen der Persönlichkeit, dauerhafte Muster in Erleben und Verhalten sowie Denk- und Bewertungsprozessen. Sitzungen finden häufig zwei- bis dreimal in einer Woche statt und ist grundsätzlich eine Langzeittherapie. Die Krankenkasse übernimmt hier meist 240 Stunden, maximal jedoch 300. Sie ist besonders geeignet bei diffuser Lebensunzufriedenheit oder bei wiederkehrenden, verfestigten bzw. neurotischen Erlebens- und Verhaltensmustern. Ebenso, wenn wichtige Entwicklungsaufgaben wie das Führen von Freundschaften, das Einlassen auf Beziehungen etc. nicht selbstständig bewältigt werden können.

Systemische Therapie
Diese Therapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Schwerpunkt auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen liegt. Hierbei stehen insbesondere die Interaktionen zwischen Familienmitgliedern und deren sozialer Umwelt im Fokus. Diese Form entwickelte sich in den 50er-Jahren aus der Arbeit mit Familien, als immer häufiger auffiel, in welchen hohen Maße Familienmitglieder in die Problematik eines erkrankten Angehörigen einbezogen waren. Die theoretische Grundlage ist heutzutage meistens eine Mischung aus Aspekten der Kommunikationstheorie, der Systemtheorie und dem sozialen Konstruktivismus. Grundannahme dieser Therapie ist, dass der Schlüssel zur Lösung nicht in einer Person liegt, sondern dass das komplexe Geflecht der Interaktionen aller Familienmitglieder betrachtet werden muss, damit Probleme behoben werden können.  Der Therapeut versucht, anhand bisheriger Muster und Annahmen Rückschlüsse zu ziehen, Fragen zu stellen und neue Sichtweisen anzuregen. Diese Intervention soll schlussendlich dazu führen, dass Familienmitglieder die Chance erhalten, eingefahrene Verhaltensmuster differenziert zu betrachten und anders zu interpretieren. Aufgabe des Therapeuten ist hier weniger, eine klare Diagnose zu stellen. Im Gegenteil: der Therapeut sollte versuchen, dass ein respektvoller Dialog zwischen den Klienten möglich wird und sie dabei zu unterstützen, Kommunikationsblockaden zu lösen und neue Perspektiven und zufriedenstellendere Verhaltensweisen zu entwickeln.
Eine beliebte Methode der systemischen Therapie ist die Aufstellung der Familienmitglieder im Raum, um so ein Bild zu bekommen, wie die Haltungen und Positionen der Mitglieder untereinander sind.
Die Wirksamkeit der systemischen Therapie wurde für fünf Störungsbereiche nachgewiesen: Angst- und Zwangsstörungen, depressive Störungen, Schizophrenie, Substanzkonsumstörungen und Essstörungen. Spätestens Ende 2019 sollte die systemische Therapie endgültig als Richtlinienverfahren der Gesetzlichen Krankenkassen anerkannt sein.