Die Psychotherapieverfahren im Überblick – Teil 2 Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Das zweite anerkannte Richtlinienverfahren ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Diese und die analytische Psychotherapie gehen beide auf die von Sigmund Freud begründete Psychoanalyse zurück. Im Gegensatz zur Verhaltenstherapie, welche sich auf einen aktuellen Zustand bezieht, liegt der Fokus der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie dem unbewussten Erleben und Verhalten und damit auch auf bereits existierende, unbewusste innere Konflikten, welche dem Patienten psychisches Leid verursachen. Oft wird davon ausgegangen, dass diese Konflikte aufgrund negativer oder unangenehmer Erfahrungen in der eigenen Kindheit entstanden sind. Anders als bei der Psychoanalyse soll anschließend aber nicht an den Wurzeln des Problems gearbeitet werden, sondern an den Manifestationen der Konflikte, die sich im Hier und Jetzt zeigen.

Zu Beginn lernen sich Therapeut und Patient selbstverständlich erstmal im Rahmen eines Vorgespräches kennen. Dabei werden verschiedene Themenbereiche abgedeckt, so zum Beispiel biografische Aspekte, welche Probleme bestehen, seit wann diese existieren, etc.
Danach entscheidet der Therapeut, ob der Patient von einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie profitieren würde.
In den Therapiesitzungen arbeiten Patient und Therapeut gemeinsam daran, eine stabile Beziehung zueinander aufzubauen, die es ermöglicht, auch sehr intime und vielleicht auch schmerzliche Gefühle und Gedanken äußern zu können.
Die Aufgabe des Patienten während der Therapiesitzungen ist die sogenannte freie Assoziation. Dieser Begriff bedeutet nichts anderes, als dass der Patient ohne großes Nachzudenken darüber erzählt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Über den Inhalt seiner Aussagen sollte sich der Patient keine Gedanken machen, denn es ist Aufgabe des Therapeuten zu identifizieren, welche Aussagen für den Verlauf der Therapie relevant sind. Dieser gestaltet aktiv das Gespräch und kann dementsprechend auch den Gesprächsmittelpunkt auf bestimmte Problembereiche und ihre Hintergründe lenken. Die Sitzungen finden für gewöhnlich einmal wöchentlich statt, damit der Patient genügend Zeit hat, über das Besprochene erneut nachzudenken und zu verarbeiten. In den Sitzungen sitzen sich Patient und Therapeut gegenüber und haben Blickkontakt. Auch das unterscheidet das Verfahren von der typischen Assoziation der Psychoanalyse mit dem Patienten auf der Couch.

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie kennzeichnet sich unter anderem durch die konfliktzentrierte Vorgehensweise, welche in Klärung, Konfrontation und Deutung getrennt werden kann.

Klärung
Diese Bezeichnung ist ziemlich selbsterklärend, denn in dieser Phase geht es darum, dass der Therapeut das vom Patienten erzählte besser verstehen kann und er sich besser in den Patienten hineinversetzen kann. Zu diesem Zeitpunkt stellt der Therapeut viele Nachfragen, denn es ist für den Verlauf der Therapie enorm wichtig, dass der Therapeut Konflikte und Probleme richtig verstanden hat.

Konfrontation
Nach der Phase der Klärung folgt die Konfrontation. Hierbei weist der Therapeut den Patienten auf Aspekte hin, die ihm besonders aufgefallen sind, vielleicht weil sie nicht ganz kohärent oder ambivalent wirken. Da es sich ja um unbewusste Konflikte handelt, sind dem Patienten diese Ungereimtheiten in den meisten Fällen vorher noch nie aufgefallen, weswegen es so wichtig ist, ihn in diesem Kontext darauf hinzuweisen.

Deutung
Ist die Phase der Klärung und die Phase der Konfrontation abgeschlossen, äußert der Therapeut seine Deutung zu der vom Patienten beschriebenen Situation. Dabei versucht er, die unbewussten Wünsche, Gefühle oder Gedanken des Patienten zu verbalisieren. Ein Beispiel dafür wäre: „Sie bekommen gar nicht mit, wie schlecht Ihre Arbeitsverhältnisse sind und wie ungerecht Sie behandelt werden, da Sie unglaublich große Angst vor der Arbeitslosigkeit haben.“

Diese drei Phasen bieten sich an für die konfliktzentrierte Vorgehensweise.  Bei der strukturzentrierten Vorgehensweise ist der Ablauf etwas anders. Bei dieser Vorgehensweise steht eher im Vordergrund, dass der Therapeut dem Patienten hilft, bestimmte Gefühle und Verhaltensweisen besser tolerieren beziehungsweise steuern zu können. Zu den strukturellen Störungen zählen allgemein Schwierigkeiten in der Regulation der Gefühle oder in der Selbstwahrnehmung, aber auch in der Kommunikation mit anderen.
Hierbei kommt es vor allem auf stabilisierende Interventionen an, die dem Patienten ermöglichen, neue Techniken zu erlernen, um so die eigenen Gefühle in unangenehmen Situationen besser aushalten beziehungsweise regulieren zu können. Manchen Patienten hilft es außerdem, gemeinsam mit ihrem Therapeuten einen geregelten Tagesablauf zu erstellen, da Routine ebenfalls stabilisierend wirkt.
Zudem will der Patient die Ich-Funktionen des Patienten aufbauen, damit dieser sich selbst besser verstehen kann. Dabei hilft er zum Beispiel unterstützend bei der Identifizierung von Gefühlen und deren Auslöser in bestimmten Situationen und wie solche Dinge zukünftig verändert oder gar ganz vermieden werden können. Mittels dieser Erklärungen soll der Patient schlussendlich nicht nur sich selbst, sondern auch die Reaktionen aus der Umgebung und die Wirkung, die er auf andere hat, besser verstehen lernen.

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ist geeignet für Menschen mit strukturellen Störungen, aber auch für Menschen mit neurotischen Erkrankungen oder Störungen in Folge eines Traumas. Bevor die Therapie beginnen kann, ist ein medizinisches Gutachten des Patienten wichtig, damit die Sitzungen von der Krankenkasse übernommen werden. Vorher sind jedoch fünf probatorische Sitzungen möglich, in denen sich Patient und Therapeut genauer kennenlernen können. Die Krankenkassen übernehmen 25 Stunden im Rahmen einer Kurzzeit- und 50 Stunden bei einer Langzeittherapie. Eine Verlängerung auf bis zu 80 Stunden ist möglich.

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