Ärztliche Psychotherapeutin Dr. Hansen im Interview in der Neuen Apotheken Illustrierten

In der aktuellen Neuen Apotheken Illustrierten vom 01.12.2018 ist der zweite Teil der Serie “Psyche in Not” erschienen. Im Artikel “Wenn die Angst das Leben bestimmt” dreht sich dieses Mal alles um Angststörungen. Frau Marie-Luise Hansen, die als Ärztliche Psychotherapeutin auch auf mentavio online berät, hat für diesen Artikel einige Fragen beantwortet. 

Angst als natürliche Reaktion auf eine mögliche Gefahr rettet
uns in vielen Situationen das Leben. Etwa wenn wir uns bei
Autofahrten anschnallen oder bei Gewitter zu Hause bleiben.
Angst bewirkt, dass wir Gefahren meiden, wenn nötig die
Flucht ergreifen und kein zu hohes Risiko eingehen. Bei manchen
Menschen nimmt die Angst jedoch ein krankhaftes Ausmaß
an, das deutlich ihre Lebensqualität vermindert.

Natürliche Angst
Die meisten Menschen gehen gut mit ihrer Furcht um. Sie beruhigen
sich selbst oder meiden bestimmte Situationen, Orte
oder Begegnungen ohne starke Einschränkungen im Alltag zu
erfahren. »Dass es sich jedoch um eine ernsthafte Angsterkrankung
handelt, wird deutlich, wenn die Angst im Vergleich
zur tatsächlichen Bedrohung unangemessen oder übersteigert
auftritt und mit einer erheblichen psychischen und körperlichen
Belastung einhergeht.« Dies erklärt Dr. Marie-Luise
Hansen. Die ärztliche Psychotherapeutin aus Berlin berät Patienten
sowohl in der Praxis als auch online.
Wiederkehrende schwere Angstanfälle mit heftigen körperlichen
und psychischen Symptomen belasten Menschen mit
Panikstörungen in bestimmten Situationen, bei bestimmten
Begegnungen oder an bestimmten Orten. Während die Fahrt
in einem Aufzug oder der Blick aus hohen Gebäuden bei Betroffenen
Panik auslöst, tritt bei manchen die Attacke auch
völlig unvermittelt auf. Sie verspüren unter anderem Atemnot,
Schwindel, Herzrasen, Übelkeit, beginnen zu zittern, zu
krampfen oder schwitzen stark. Dabei kann ein Panikanfall
wenige Minuten oder auch zu einer halben Stunde anhalten.

Frauen erkranken häufiger
»Aufgrund starker Symptome suchen viele Betroffene
den Weg zum Arzt, da sie eine lebensbedrohliche
Erkrankung als Ursache vermuten. In besonders
schweren Fällen verlassen sie ihre eigenen vier Wände
kaum noch und vermeiden Situationen, in denen sie
befürchten, nicht schnell genug Hilfe zu erhalten«, so
Hansen. Frauen erkranken hierzulande übrigens
zweimal häufiger an Panikstörungen als Männer.
Bei anhaltenden Sorgen und Ängsten, die sich nicht auf bestimmte
Situationen beschränken, sprechen Experten wie
Hansen von einer generalisierten Angststörung. Betroffene
fürchten in übersteigerter Weise reale Bedrohungen wie etwa
Autounfälle oder Krankheiten, reagieren nervös, unruhig und
leiden häufig unter Schlafstörungen. »Für Menschen mit
sozialer Angststörung bedeutet es eine starke Belastung, vor
einer größeren Gruppe zu sprechen, zu einer Behörde zu
gehen, in einem Restaurant zu essen, fremde Menschen an –
zusprechen oder sich zu einer Verabredung zu treffen. Sie fühlen
sich von ihren Mitmenschen immerzu beobachtet und haben
Angst, sich peinlich zu verhalten«, so Hansen.

Tiere und Höhen
Bei der spezifischen Phobie besteht immer ein konkreter
Angstauslöser, das heißt, einzelne Objekte oder Situationen
lösen die Furcht aus. Sehr häufig tritt die Angst vor Personen,
Tieren, Insekten, vor Höhe, Blut, Verletzungen oder konkreten
Tätigkeiten auf. Manchmal lösen auch körperliche Erkrankungen
Angststörungen aus. 

Viele Betroffene, die an einer Angststörung leiden, versuchen
erst einmal, ihre Beschwerden selbst in den Griff zu bekommen,
erlernen Entspannungstechniken, lesen Ratgeber oder greifen
zu Beruhigungsmitteln ehe sie den Weg zu einem Arzt suchen.
Wenn die Angststörung das alltägliche Leben stark einschränkt,
hilft langfristig nur eine Therapie. Die Wartezeiten können
jedoch mitunter sehr lang sein. Rund 20 Wochen warten hierzulande
Betroffene durchschnittlich auf einen Behandlungsplatz.
Um diese Lücke zu schließen, bieten Online-Beratungen wie
www.mentavio.com Betroffenen akute Hilfe in Notsituationen.

Regelmäßige Übung
Um selbst besser mit seiner Angst zurechtzukommen, rät Hansen
Betroffenen Folgendes: »Wichtig ist, dass man versucht, angstauslösende
Situationen nicht dauerhaft zu meiden. Je häufiger
man sich seiner Angst aussetzt, desto eher kann man diese auch
abbauen. Das heißt, trotzdem in die volle Bahn zu steigen oder
trotzdem den Fahrstuhl zu nehmen, statt Treppen zu laufen. Es
mag Überwindung kosten, doch die regelmäßige Übung führt
zum persönlichen Erfolg.«

Professionelle Therapie gegen die Angst
Wenn der Leidensdruck zu hoch wird oder Menschen in ihrem
Alltag wegen der Ängste kaum mehr zurechtkommen, brauchen
sie jedoch in jedem Fall professionelle Hilfe. Vor einer Therapie
der Angststörung durch Psychologen muss der behandelnde
Arzt – zum Beispiel der Hausarzt − bestätigen, dass nichts gegen
eine psychologische Behandlung spricht. Er gibt dem Patienten
dazu einen sogenannten Konsiliarbericht für den Psychologen
mit. Dieser klärt dann, ob tatsächlich eine Angsterkrankung
vorliegt, welche es ist und wie sie sich behandeln lässt.
Eine bewährte Behandlungsmöglichkeit stellt die sogenannte
kognitive Verhaltenstherapie dar. Es gibt noch weitere Ver –
fahren, die jedoch im Vergleich seltener zum Einsatz kommen.
Zusätzlich können bei Bedarf Medikamente helfen, etwa Antidepressiva,
die aber oft erst nach einigen Wochen ihre volle
Wirkung entfalten. Recht schnell und gut wirken Beruhigungsmittel
aus der Gruppe der Benzodiazipine. Wegen der Abhängigkeitsgefahr
eignen sie sich aber nicht zur Langzeitbehandlung.
Medikamente ersetzen in aller Regel keine Therapie durch
einen Psychologen.
Wichtig: Eine bestehende Angsterkrankung sollte behandelt
werden, da sie meist nicht von selbst vergeht, sondern sich im
Gegenteil immer weiter verschlechtert und so die Lebensqualität
zunehmend einschränkt. •
PEF/FS

Der Artikel ist erschienen in der Neuen Apotheken Illustrierten vom 01.12.2018. Diese kostenlose Zeitschrift gibt es vierzehntägig neu in Apotheken in ganz Deutschland.